Ein Rechenzentrum steht in der Schweiz in zwei bis drei Jahren, der Anschluss ans Übertragungsnetz dauert bis zu zehn. Am POWERLOOP-Forum in Arlesheim zeigten Branche, Bund und Technikanbieter, wie Datacenter mit Abwärme, Eigenerzeugung und Backup vom Problemfall zum Teil des Energiesystems werden können – und was die Politik damit zu tun hat.
Text & Fotos: Manuel Fischer; Red. Bearbeitung: Phase5
Weit über 100 Fachleute kamen am 29. Oktober in die uptownHall in Arlesheim, wo POWERLOOP das Forum erstmals mit der Swiss Data Center Association (SDCA) durchführte. Co-Präsidentin Monika Rüegger setzte zum Auftakt den Ton: In Bundesbern spreche man von Energiepolitik, meine aber fast nur Strompolitik – als ob Strom in der nötigen Menge, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit und zu tragbarem Preis schon irgendwie verfügbar sei. Der Streit zwischen Erneuerbaren und Kernkraft entscheide nicht, ob die Versorgung funktioniere. Offen blieben Transport, Speicherung und das Überbrücken von Stunden bis Jahreszeiten; eine Jahresbilanz beantworte diese Fragen nicht. Nötig sei eine Politik, die Strom, Wärme, Kälte und speicherbare Energieträger als eine Aufgabe verstehe.
Unsichtbare Infrastruktur
«Rechenzentren sind kritische Infrastruktur, man sieht sie nur nicht», sagte SDCA-Präsident Roger Süess. Seit 2000 sei die Schweizer Wirtschaftsleistung um 53 Prozent gewachsen, der Stromverbrauch nur um 10 Prozent. Rechenzentren beanspruchen heute 3,6 Prozent des Stroms, für 2030 rechnet das BFE mit 4,3 bis 5,6 Prozent. International bleibt die Schweiz mit 0,24 GW installierter Leistung ein Zwerg neben den USA (53,7 GW). Der Engpass sei nicht die Energie, sondern der Netzanschluss: Im Ausland stehe ein Rechenzentrum in neun bis zehn Monaten. Süess warnte zudem, dass ein guter PUE-Wert allein ein Rechenzentrum nicht nachhaltig mache. Entscheidend sei der Strommix: Pro Kilowattstunde Rechenleistung verursache ein Rechenzentrum in Frankfurt mit PUE 1,2 rund 457 g CO₂, eines in Zürich mit PUE 1,5 nur 86 g. Kühles Klima und politische Stabilität sprächen für die Schweiz; zudem ziehe die IT in effizientere Rechenzentren um, der Verbrauch kommerzieller Anlagen stieg von 2019 bis 2024 um 80 Prozent, jener der firmeneigenen Serverräume sank um 9 Prozent. Als 24/7-Bezüger seien Rechenzentren eine planbare Last, ihre Batterien und Notstromanlagen könnten das Netz stützen. Und: «Die Wärme ist da. Es fehlen die Abnehmer.»
Bund sieht Systemnutzen
Mihaela-Raluca Grigorie (BFE) bezifferte den Verbrauch der Schweizer Rechenzentren auf 2,1 TWh; bis 2030 sei ein Plus von rund 50 Prozent plausibel. Hierzulande gehe es vor allem um die Anwendung trainierter KI-Modelle, das Training selbst finde meist im Ausland statt. KI-Rechenzentren mit oft über 100 MW pro Standort, kurzen Bauzeiten und schwankenden Lasten belasten die Netze, bieten aber Flexibilität durch Lastverschiebung und Batteriespeicher. Bereits heute stehen von 325 MW Notstromgruppen in der Winterreserve 160 MW in Rechenzentren. Ihre Abwärmegrafik zeigt: Rund 80 Prozent des Stroms eines Rechenzentrums fallen als nutzbare Wärme an, und zwar das ganze Jahr mit nahezu konstanter Leistung. Der Heizbedarf von Wohnbauten übersteigt dieses Angebot nur im Winter; im Sommer bleibt ohne saisonalen Speicher ein Grossteil ungenutzt. Ein Rechenzentrum unter einer Genfer Wohnsiedlung liefert bei Vollauslastung bis zu 15 GWh pro Jahr ins Wärmenetz. Effizienzmassnahmen könnten bis 2030 rund 0,8 TWh einsparen; der Bund setzt auf Zielvereinbarungen, wettbewerbliche Ausschreibungen und einen Leitfaden für Gemeinden.
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«Rechenzentren sind kritische Infrastruktur, man sieht sie nur nicht», sagte SDCA-Präsident Roger Süess. -
Tamer Turna (2G Energy) sprach von einer «Time-to-Power-Krise»: Eine Eigenversorgung mit Gasmotoren könne laut Turna innert 6 bis 18 Monaten Strom liefern.
Strom vom eigenen Standort
Tamer Turna (2G Energy) sprach von einer «Time-to-Power-Krise»: In wichtigen Rechenzentrumsmärkten warte man auf Anschlüsse über 50 MW zwei bis fünf Jahre. Eine Eigenversorgung mit Gasmotoren könne laut Turna innert 6 bis 18 Monaten Strom liefern und später als Backup oder Spitzenlastdeckung dienen. In seinem Schema treibt Gas ein Blockheizkraftwerk an, dessen Strom das Rechenzentrum versorgt; die 90 bis 130 °C heisse Abwärme speist eine Absorptionskältemaschine, die mit 18 °C kaltem Wasser die Server kühlt, und fliesst zugleich ins Fernwärmenetz. Weil die Containermodule stapelbar sind, kann die Leistung schrittweise mit dem Serverausbau wachsen.
Uwe Braun (Jenbacher) begründete den Bedarf an Motoren mit den Lastprofilen von KI: Beim Training schwanke die Last um 30 bis 40 Prozent – das müsse die Versorgung abfangen, im Normalbetrieb wie im Notfall. Gasmotoren übernähmen innert 15 Sekunden die volle Last. Wie gross solche Anlagen werden können, zeigte ein Kraftwerkspark in Texas mit 202 Gasgeneratoren und 673 MW direkt neben einem Datacenter-Campus. In den USA sei Gas aber zehnmal günstiger; die Schweiz hingegen brauche kleinere, dezentrale Anlagen.
Abwärme für sechs Gemeinden
Walter Ineichen (Energie 360°) zeigte, welche Arbeit hinter einem Wärmeverbund steckt: Von der Machbarkeit über Konzession und Absichtserklärung bis zur Energiezentrale vergehen Jahre. Die Abwärme muss langfristig mit Nachfrage verbunden werden, im freien Wettbewerb mit dezentralen Lösungen. Im Zürcher Unterland heben Wärmepumpen die Abwärme von drei Green-Rechenzentren auf 75 °C an; sechs Gemeinden sollen damit 166 GWh Wärme pro Jahr erhalten. Weil die Nachfrage im Sommer einbricht, kann jedoch nur etwa die Hälfte der Abwärme genutzt werden. Sam Zurbrügg (Bimex Energy) plädierte für hybride Backup-Systeme aus Batterien und Generatoren: Je länger die geforderte Autonomie, desto teurer wird eine reine Batterielösung.
Bundesbern plant – Gemeinden stemmen
Die abschliessende Podiumsdiskussion führte Technik, Wirtschaft und Politik zusammen. Unter der Leitung von Philipp Burkhardt, Leiter der Bundeshausredaktion von Radio SRF, diskutierten Ständerat Thierry Burkart, Nationalrätin Monika Rüegger, IWK-CEO Stefan Schaffner, Magnus Willers, CEO und Inhaber von J. Willers Engineering, sowie Yves Zischek, Managing Director von Digital Realty. Klar erkennbar wurde: Eine einseitig auf Elektrifizierung ausgerichtete Energiepolitik des Bundes führt vor Ort zu einer Überlastung der Gemeinden und ihrer Infrastrukturen. Dort müssen wachsende Stromnachfrage, begrenzte Netzkapazitäten und konkrete Standortbedürfnisse zusammengebracht werden. Ebenso deutlich wurde die Bedeutung molekularer Energiesysteme. Erneuerbare Gase, Wasserstoff und weitere speicherbare Energieträger müssen als Teil der Energiewende politisch und gesellschaftlich salonfähig bleiben. Für steuerbare Produktion, längerfristige Speicherung und eine robuste Versorgung braucht es auch diese Werkzeuge.
(Quelle : Powerloop-Medienmitteilung)
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Der neue Powerloop-Geschäftsführer Remo Daguati im Gespräch mit Uwe Braun (Jenbacher). -
Das obligate Networking nach dem offizellen Teil der Veranstaltung gehört einfach dazu.
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