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«Wasser wird wichtiger, Energie bleibt zentral»

Interview mit André Flückiger

Das Planungsunternehmen Eicher + Pauli durchschritt in 40 Jahren einen grossen Wandel vom Auftragnehmer für Energiestudien zum integralen Anbieter von Areallösungen, welche Architektur, Gebäudehülle, passive Sonnenenergienutzung und vernetzte Gebäudetechnik vorausschauend integrieren. Ein Gespräch mit CEO André Flückiger zur Mission des Unternehmens.


Interview: Manuel Fischer
Fotos: Marco Zanoni


Sie sind schon ein halbes Berufsleben bei Eicher + Pauli. Gibt es in Ihrer Erinnerung prägende Erlebnisse?

André Flückiger: Ich erinnere mich weniger spontan an ein einzelnes Erlebnis, sondern mehr an die Art und Weise der Zusammenarbeit. Als ich beim Unternehmen anfing, waren wir 35 Leute, schweizweit, in der Geschäftsstelle Bern waren wir 8. Heute sind es allein in Bern 60. Ich hatte einen Vorgesetzten mit einer sozialen Ader. Er versuchte immer, mit allen Leuten zu arbeiten und diese zu fördern. Wir halfen uns gegenseitig fachlich und so konnte ich viel lernen. Wir pflegten schon damals eine offene Lernkultur.

Das heisst: Es gab Freiraum für individuelle Entwicklung?

Bei gutem Arbeitseinsatz und positiver Kundenrückmeldung gewährte man mir viel Freiraum. Das schätzte ich enorm. Ich war noch jung. So war es mir möglich, bei schönem Wetter kurzfristig für zwei Arbeitstage Mitte Januar auf den Skiern zu stehen, dafür am Wochenende zu arbeiten.

Spulen wir noch etwas zurück in der Zeitgeraden. Was war eigentlich die Motivation der Gründer, vor 40 Jahren ein Planungsbüro zu gründen?

Unsere Gründer waren energiepolitisch aktiv in den 1980er-Jahren und demonstrierten damals gegen das Kernkraftwerk Kaiseraugst. Sie wollten zeigen, dass es mit alternativen, dezentralen Energiesystemen möglich ist, die Schweiz mit Wärme und Strom zu versorgen – effizient und aus erneuerbaren Quellen.

Womit beschäftigte sich das Büro in den Anfangsjahren?

Sie verfassten zu Beginn viele Studienaufträge beispielsweise vom Bundesamt für Energie oder liessen Testanlagen bauen: Man kombinierte schon damals Wärme-Kraft-Kopplungsanlagen mit Wärmepumpen. Oder man liess einen extra aus den USA importierten Stirling-Motor auf den Prüfstand setzen und versuchte, diesen zu optimieren. Aber zu Beginn fehlte noch die konkrete ausführende Planung mit Wirtschaftlichkeitsberechnungen und Ausweisung von Energiekennzahlen.

Haben sich die Bedürfnisse der Kunden mit der Zeit geändert, sodass das Unternehmen den Leistungskatalog diversifizieren musste?

Einerseits gab es Kunden, die von uns erweiterte Planungsdienstleistungen erwarteten, andererseits gab es auch seitens der öffentlichen Hand Ausschreibungen, die eine Umorientierung erforderten: Die Ausschreibung definierte die ganze Energieversorgung plus die ganze Gebäudetechnik. Also galt es, die Leute fürs Unternehmen zu gewinnen, welche die notwendigen Kompetenzen mitbrachten.

Vor rund zehn Jahren erschien das in gewisser Weise visionäre «Weissbuch Fernwärme». Welche Wirkung hatte die Studie?

Es ging damals darum, das Angebot an erneuerbaren Energiequellen mit der Nachfrage nach Energie geografisch zusammenzubringen. Wenn etwa Grundwasser, Erdwärme oder Flusswasser verfügbar sind und gleichzeitig in einem dicht besiedelten Gebiet eine entsprechende Nachfrage besteht. Wir legten ein Hektarraster über das Land und untersuchten GIS-basiert, in welchen Gebieten erneuerbare Energieträger wirtschaftlich nutzbar sind.

Das war sicherlich eine wichtige Diskussionsgrundlage – für die Politik wie für die Branche. In Konsequenz haben wir heute viel mehr Mitbewerber, die sich mit dem Thema beschäftigen.



Wie stark prägt die klassische Gebäudetechnik heute das Geschäft von Eicher + Pauli und wie hat sich dieser Anteil entwickelt?

Mit dem Wachstum in den Nullerjahren gewann die Gebäudetechnikplanung stark an Bedeutung und brachte uns grosse Umsätze. Grosse Projekte im Spitalbau und in der Industrie halfen uns zu wachsen und erhöhten unsere Aussenwirkung. Gleichzeitig merkten wir, dass wir aufpassen müssen, nicht einfach als «Nur-Gebäudetechnikplaner» wahrgenommen zu werden und dabei unsere Spezialitäten in der Energieversorgung und bei neuen Lösungen zu verlieren. So begannen wir deshalb, diese Themen wieder stärker anzusprechen. Die Gebäudetechnik bleibt wichtig und spannend, aber die Energieversorgung soll nicht an Wirkung verlieren.

«Mit dem Wachstum in den Nullerjahren gewann die Gebäudetechnikplanung stark an Bedeutung.»

André Flückiger

Studienaufträge der öffentlichen Hand haben nicht mehr dieselbe Bedeutung wie auch schon?

Bei Ausschreibungen konkurrieren wir heute auch mit Fachhochschulen. Diese erhalten Studien- und Kantonsgelder für ihren Ausbildungsauftrag. Gleichzeitig müssen die Hochschulen zusätzliche Mittel holen und damit Forschungsarbeit finanzieren. Damit stehen sie in Konkurrenz zur Privatwirtschaft und können aus dieser Position heraus anders kalkulieren.

Wer beauftragt Eicher + Pauli heute denn mit Energiekonzept-Studien?

Das können auch private Unternehmen oder Portfoliobesitzer sein. Ein aktuelles Beispiel ist eine bekannte Schweizer Altstadt. Dort untersuchen wir für eine private Auftraggebergruppe, wie sich die alten Gebäude künftig erneuerbar heizen und kühlen lassen. Solche Vorabklärungen haben auch eine soziale Komponente: Man kann verschiedene Beteiligte zusammenbringen und übernimmt teilweise eine moderierende Rolle. Parallel prüfen wir Wirtschaftlichkeit, Wärme- und Kältepreise sowie mögliche Energiequellen. Im vorliegenden Fall könnte sich Flusswasser anbieten, das über eine Grosswärmepumpenanlage genutzt werden könnte.

Ist es ein Unterschied zu früheren Jahrzehnten, dass die Energieplanung heute bereits in einer frühen Projektphase mitgedacht wird?

Heute ist entscheidend, sie sehr früh gemeinsam mit Architekten und Bauherrschaften anzugehen. Im Idealfall geschieht das bereits bei Ortsplanungsrevisionen, wenn festgelegt wird, wo sich Gemeinden entwickeln und verdichten. Der Kanton Bern war hier Vorreiter und verlangte von energierelevanten Gemeinden Energierichtpläne – auf einem Grobraster. Daraus identifizierte man Areale und Quartiere, die man genauer anschauen wollte.

Es gibt freilich immer noch Bauprojekte, wo zuerst der architektonische Masterplan bis zum Vorprojekt entwickelt und erst dann die Energieversorgung betrachtet wird; also zu einem sehr späten Zeitpunkt. Architektur, Energie und Gebäudetechnik müssen heute integral geplant werden: Gebäudehülle, passive Sonnenenergienutzung, thermische Speichermassen, Gebäudetechnik, Fassade und Beschattung, Wassermanagement und Arealklima gehören zusammen.

Die sukzessive Digitalisierung des Planens unterstützte womöglich das integrale Planen, nehme ich an.

Richtig. Früher erhielt der Fachplaner den fertigen Plan vom Architekten und zeichnete die Gebäudetechnik hinein. Heute plant und entwickelt man diese Schnittstellen gemeinsam und iterativ. Das erfordert Kollaborationen in digitaler Form.

Gibt es aktuell mehr Anfragen rund um die energetische Optimierung von Gebäuden und Anlagen?

Ja, regelmässig, vor allem im Industriebereich. Dort analysieren wir die Energiesituation und suchen nach ungenutzten Energieflüssen. Der Grundsatz, die Energie möglichst im Kreislauf zu halten, darf nie vernachlässigt werden. Muss ein Prozess gekühlt werden, entsteht auf der anderen Seite Wärme, die sich für weitere Prozesse oder über eine Wärmepumpe nutzen lässt. So können wir die Effizienz steigern, den Energieverbrauch senken und den Betrieb optimieren.

Daneben betrachten wir den Zustand der Anlagen: Alterung, Restlebensdauer und die Verfügbarkeit einzelner Komponenten. Daraus entsteht eine langfristige Ersatzmassnahmenplanung. Wenn ein Gerät ohnehin in drei oder vier Jahren ersetzt werden muss, ist eine aufwändige energetische Optimierung möglicherweise obsolet.

An einer SWKI-Tagung ist mir aufgefallen, wie stark inzwischen für KI-unterstützte Planungssoftware geworben wird.

Wir gehen davon aus, dass sich das Berufsbild in den nächsten Jahren stark verändern wird. Heute arbeiten wir für Berechnungen, Dimensionierungen und Planung noch mit verschiedenen Programmen. Diese Prozesse lassen sich stark vereinfachen. Wir haben beispielsweise die Einführung einer zusätzlichen Software abgebrochen, weil wir gemerkt haben, dass wir mit KI die eine mit der anderen Anwendung elegant verbinden können. So können wir uns Schnittstellen-Probleme ersparen und gewinnen an Effizienz.

Unsere VDC-Spezialisten programmieren und verknüpfen Softwarelösungen miteinander. Mehrere solcher Anwendungen stehen bei uns kurz vor der Einführung. Das Fachwissen über Systeme und Anlagen bleibt aber zentral und Aufgabe guter Ingenieure und Planer: Analyse, Plausibilisierung und konkrete, interdisziplinäre Lösungsansätze – hier können wir uns von den Maschinen differenzieren.

Stichwort Fachkräftemangel: Was sind die Rezepte?

Ich spreche nicht gerne von Fachkräftemangel, sondern eher von einer Fachkräftechance. Unsere Branche hat sehr gute Zukunftsaussichten. Deshalb müssen wir bereit sein, selber mehr Menschen für uns zu gewinnen. Das beginnt bei der Grundausbildung und der Berufsmaturität. Wir motivieren Mitarbeitende auch, sich weiterzubilden oder ein Studium anzuschliessen.

Gleichzeitig öffnen wir uns bewusst für Quereinsteiger. Maschineningenieure oder Absolventinnen und Absolventen der Energie- und Umwelttechnik bringen verwandte physikalische Grundlagen mit. Mit der Digitalisierung bieten wir Fachleuten mit IT-Hintergrund spannende Stellen. Des Weiteren sind gute Kommunikatoren und Projektleitende willkommen. Es muss nicht immer der klassische HLKS-Planer sein. Entscheidend ist, dass jemand Freude an Energie- und Gebäudetechnik hat und bereit ist, sich in das Fachgebiet einzuarbeiten.

«Ich spreche lieber von Fachkräftechance als von Fachkräftemangel.»

André Flückiger

Schneiden wir noch ein aktuelles Thema an: Wie kreislauffähig ist die heute eingebaute Gebäudetechnik?

Wir möchten bei diesem Thema vorausgehen, obwohl für die Wiederverwendung von Installationen noch kaum etablierte Prozesse bestehen. Die bauliche Systemtrennung kennen wir schon lange: Primär- und Sekundärstruktur werden getrennt und Installationen möglichst nicht untrennbar in den Rohbau eingebaut. Das vereinfacht den Rückbau.

Schwieriger wird es bei der Wiederverwendung. Dafür fehlen heute Planungs- und Bauprozesse, und nur wenige Auftraggeber verlangen sie ausdrücklich. Bei Rohren wäre es besser, sie auszubauen, aufzubereiten und möglichst wiederzuverwenden – idealerweise für ihren ursprünglichen Zweck, wo dies sinnvoll und möglich ist. Offen sind dabei Fragen zu Zustand, Aufbereitung, Zwischenlagerung und Garantie. Auch kreative Lösungen sind möglich: Aus alten Rohren aus der Berner Altstadt ist diese blaue Vase auf dem Tisch entstanden (s. auch S. 10).

Braucht es für eine solche Wiederverwendung neue Business-Modelle?

Ja. Spannend wäre es, mit einer Bauherrschaft durch mehrere, bestehende Gebäude zu gehen, geeignete Produkte zu identifizieren und zu prüfen, wo sie im neuen Objekt wieder eingesetzt oder dafür angepasst werden können. Bei solchen Aufgaben steigt tendenziell der Planungs- und Bauaufwand in Arbeitsstunden, dafür sinkt der Materialaufwand. Genau darin sehe ich ein sehr interessantes Geschäftsmodell – perfekt für die Schweiz.

«Kreislaufwirtschaft wird ein interessantes Geschäft für die Schweiz.»

André Flückiger

Mit welchen Themen wird sich Eicher + Pauli im Jahr 2050 beschäftigen?

Unsere Strategie baut auf der Energiestrategie 2050 des Bundes auf. Wir wollen die Planungs- und Beratungsdienstleistungen anbieten, die es braucht, um sie umzusetzen. Wenn dieses Ziel erreicht ist, werden die Optimierung und Erneuerung der Systeme stärker in den Vordergrund rücken: Wir werden Betriebe über den Lebenszyklus begleiten, Datenmodelle im Facility Management nutzen und Erneuerungsstrategien entwickeln.

Wärme-Kälte-Verbundsysteme müssen optimiert und fossile Spitzendeckungen durch erneuerbare Lösungen ersetzt werden. Gleichzeitig wird das Thema Wasser wichtiger. Heute sind Wasserversorgungen häufig kommunal organisiert. Künftig müssen wir stärker über die überregionale Vernetzung nachdenken, damit Gebiete mit guten Trinkwasserquellen in Engpässen gefährdete Regionen versorgen können. Mit dem Rückgang des Gletscherschmelzwassers dürfte sich diese Ausgangslage verschärfen.

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Interview: Manuel Fischer
Fotos: Marco Zanoni

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Veröffentlicht am: 21.10.2026

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