Loïc Ben Achour hat seine Lehre in der Gebäudetechnik mit ausgezeichneten Resultaten abgeschlossen. Im Mittelpunkt stehen für ihn jedoch nicht seine Erfolge, sondern sein Weg – und die Botschaft, dass schulische Schwierigkeiten nichts über das Potenzial eines Menschen aussagen.
Interview: Pierre Schoeffel, Fotos: Marc Schoeffel
Wir treffen den angehenden Gebäudetechnikplaner Sanitär in den Räumlichkeiten von Amstein + Walthert in Lausanne. Begleitet werden wir von Sandra Klinke, Leiterin der Lausanner Niederlassung. Sie gibt uns Einblick in das Unternehmen, spricht über den zunehmenden Fachkräftemangel in der Gebäudetechnik und stellt die Strategie vor, mit der Amstein + Walthert gezielt junge Menschen für die Branche begeistert.
Schon nach wenigen Minuten wird deutlich, welchen Stellenwert Loïc Ben Achour im Lausanner Ingenieurbüro geniesst. Sandra Klinke hebt seine fachlichen und menschlichen Qualitäten mit spürbarer Überzeugung hervor. Loïc selbst bleibt dabei bescheiden. Ihm geht es nicht darum, seine Leistungen oder seinen Erfolg in den Vordergrund zu stellen. Viel wichtiger ist ihm, den Weg zu schildern, der ihn bis hierher geführt hat. Denn er hat eine Botschaft, die ihm am Herzen liegt. «Menschen, die Schwierigkeiten haben, verfügen oft auch über besondere Stärken.»
Hürden überwinden und zurückblicken
Diese Überzeugung hat sich Loïc Ben Achour nicht aus einem Buch angeeignet. Sie ist aus seinem eigenen Lebensweg heraus entstanden. Heute blickt der 20-jährige Gebäudetechnikplaner Sanitär mit Abstand auf seine Kindheit zurück. Wenn er über seine Legasthenie und Dysorthographie spricht, die seine Schulzeit geprägt haben, dann nicht, um Aufmerksamkeit zu erregen. Er möchte vielmehr anderen jungen Menschen zeigen, dass schulische Schwierigkeiten niemals über ihre berufliche Zukunft entscheiden.
Die ersten Anzeichen zeigen sich bereits in den ersten Schuljahren in Ecublens. Lesen, Schreiben und der Umgang mit Sprachen fallen ihm deutlich schwerer als den meisten seiner Mitschülerinnen und Mitschüler. Während sechs Jahren wird er von einer Logopädin begleitet, die ihm hilft, geeignete Lernstrategien zu entwickeln und Schritt für Schritt Fortschritte zu machen. Einen Teil seiner Schulzeit verbringt er zudem in Klassen mit reduziertem Bestand. Rückblickend ist er überzeugt, dass ihm diese Zeit viel gebracht hat – auch wenn er als Kind manchmal glaubte, «weniger gut zu sein als die anderen». Heute sieht er diese Zeit mit ganz anderen Augen.
«Schwierigkeiten erzählen niemals die ganze Geschichte eines Menschen.»
Auf die eigenen Stärken bauen
Mit bemerkenswerter Reife sagt er: «Schwierigkeiten begleiten einen oft ein Leben lang. Entscheidend ist, Lösungen zu finden und auf die eigenen Stärken zu bauen.»
Denn schon früh zeigen sich andere Begabungen. Mathematik, logisches Denken, technisches Zeichnen, Naturwissenschaften und das räumliche Vorstellungsvermögen werden zu seinen Stärken. Ohne es damals zu ahnen, entwickelt er genau jene Fähigkeiten, die ihn später zu einem ausgezeichneten Gebäudetechnikplaner machen.
Am Ende der obligatorischen Schulzeit erschweren seine Noten in den Sprachfächern jedoch die Suche nach einer Lehrstelle. Trotz grosser Motivation erhält er zunächst keine Zusage. Deshalb entscheidet er sich für ein Brückenjahr, um seine schulischen Leistungen zu verbessern.
Gleichzeitig nutzt er die Gelegenheit für weitere Schnupperlehren. Eine davon absolviert er bei Amstein + Walthert in Lausanne. Wenige Monate später bietet ihm das Unternehmen eine Lehrstelle als Gebäudetechnikplaner Sanitär an. FINAL - German eTrends Amp Mult…
Ein entscheidender Wendepunkt
Sein Interesse an der Gebäudetechnik hat familiäre Wurzeln. Sein Bruder, der ebenfalls in dieser Branche tätig war, bringt ihn während seiner eigenen Ausbildung erstmals mit den verschiedenen Fachrichtungen in Kontakt. Neugierig absolviert Loïc anschliessend Schnupperlehren in den Bereichen Heizung, Lüftung und Sanitär. Auch die Architektur interessiert ihn, doch schliesslich entscheidet er sich für die Sanitärtechnik. Die Begründung überrascht durch ihre Einfachheit: «Wir verteilen etwas, das lebenswichtig ist.»
Für ihn besteht eine Sanitäranlage nicht einfach aus Leitungen und Apparaten. Sie sorgt für die Versorgung mit Trinkwasser, gewährleistet Hygiene und Komfort und trägt wesentlich zum reibungslosen Betrieb eines Gebäudes bei. Hinter Installationen, die meist unsichtbar bleiben, verbirgt sich eine grosse Verantwortung.
Die ersten Monate der Lehre verlaufen dennoch nicht ohne Herausforderungen. Wie viele junge Berufsleute muss auch er sich zunächst an eine völlig neue Welt gewöhnen. Die Arbeitstage sind länger, die Verantwortung ist real, und jede Aufgabe kann konkrete Auswirkungen auf ein Bauprojekt haben.
«Entscheidend ist, Lösungen zu finden und auf die eigenen Stärken zu bauen.»
Sich in ein bereits eingespieltes Team hineinfinden
Im Gegensatz zur Schule «kommt man in ein Team, das bereits eingespielt ist. Man muss seinen Platz schnell finden.» Anfangs sind die Berufsschultage noch seine Lieblingsarbeitstage. Mathematik, Chemie und Werkstoffkunde geben ihm das vertraute Gefühl zurück, auf sicherem Terrain zu sein. Doch nach und nach verändert sich sein Blick auf den Beruf. Er entdeckt die Freude daran, an realen Projekten mitzuarbeiten, seine Pläne Wirklichkeit werden zu sehen und zu wissen, dass seine Arbeit eines Tages Teil eines Gebäudes sein wird.
Heute spricht er mit Begeisterung über seinen Beruf: «Jedes Projekt ist anders. Man arbeitet nie ins Leere.»
Technik und Ästhetik gehören zusammen
Was beim Gespräch besonders auffällt, ist seine Art, über seinen Beruf zu sprechen. Ihm genügt es nicht, technisch einwandfreie Pläne zu erstellen. Sie sollen auch übersichtlich, verständlich und angenehm zu lesen sein.
Besonders wichtig wird dieser Anspruch für ihn beim Erstellen von Anlageschemata. Technik kann durchaus auch ästhetisch sein. Die Botschaft seiner Ausbildner hat er verinnerlicht: «Ein Schema muss für alle verständlich sein, die damit arbeiten.»
Nach derselben Logik betrachtet Loïc Ben Achour auch die Zukunft der Sanitärtechnik. Zwar sind die Möglichkeiten zur energetischen Optimierung hier mitunter weniger spektakulär als in anderen Bereichen der Gebäudetechnik. Dennoch erkennt er ein grosses Entwicklungspotenzial: die Wärmerückgewinnung aus Abwasser, die Nutzung von Regenwasser, effizientere Systeme zur Trinkwassererwärmung, die zunehmende Digitalisierung der Planung oder auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz zur Unterstützung der Projektarbeit.
Ein Sprungbrett für die Weiterbildung
Kaum hat Loïc Ben Achour das eidgenössische Fähigkeitszeugnis (EFZ) in der Tasche, richtet er den Blick bereits auf das nächste Ziel. Er möchte sich nicht ausschliesslich auf die Sanitärtechnik spezialisieren, sondern sein Verständnis für die energetischen Zusammenhänge im Gebäude erweitern. Mit Unterstützung von Sandra Klinke plant er deshalb zunächst die Berufsmaturität und anschliessend ein Bachelorstudium in Energie- und Umwelttechnik an der HEIG-VD in Yverdon-les-Bains. Dadurch will er die Wechselwirkungen zwischen Heizung, Kühlung, thermischen Netzen, Energierückgewinnung und Warmwasserbereitung noch besser verstehen.
Vertrauen schenken
Als Loïc Ben Achour seinen Arbeitsplatz verlässt und uns zum Ausgang begleitet, zeigt sich erneut die Bescheidenheit, die unser ganzes Gespräch geprägt hat. Seinen Werdegang betrachtet er keineswegs als aussergewöhnlich. Wenn er offen über die Herausforderungen seiner Kindheit spricht, dann einzig in der Hoffnung, dass sich andere junge Menschen darin wiedererkennen.
Ein Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch unser Gespräch: Schwierigkeiten erzählen niemals die ganze Geschichte eines Menschen. Oft bringen sie sogar andere Talente zum Vorschein. Man muss ihnen nur die Chance geben, entdeckt zu werden – und jemanden haben, der an sie glaubt.
Gebäudetechnikplaner/in Sanitär EFZ
Voraussetzungen
- Räumliches Vorstellungsvermögen
- Freude an Zahlen, Technik und genauem Arbeiten
- Geschick im Umgang mit anderen Beteiligten am Bau: Bauherrschaften, Architektur- und Ingenieurbüros, Bauhandwerkern.
Zertifikate
4 Jahre berufliche Grundbildung mit jeweils einem Tag Berufsschule pro Woche. Zertifikat nach absolviertem Qualifikationsverfahren: Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis «Gebäudetechnikplaner/in Sanitär EFZ». Für Jugendliche mit guten bis sehr guten Schulleistungen besteht die Option, die Berufsmaturitätsschule zu besuchen – während oder nach der schulischen Grundbildung mit der Zusatzqualifikation «Berufsmaturität».
Dauer der Lehre: 4 Jahre
Praktische Ausbildung in einem Betrieb für sanitäre Installationen oder in einem gemischten Betrieb Heizung/Lüftung/Sanitär, ergänzt durch überbetriebliche Kurse sowie einen Tag pro Woche Berufsfachschule.
Weitere Informationen: www.toplehrstellen.ch
Auszeichnungen von Loïc Ben Achour
- Klassenpreis des CEPM (Centre d’Enseignement Professionnel de Morges)
- Auszeichnung für den besten Durchschnitt an den praktischen Lehrabschlussprüfungen, verliehen von UNIA Waadt (Gewerkschaft UNIA, Sektion Waadt)
- Auszeichnung für den besten Gesamtdurchschnitt im Kanton Waadt, verliehen von TEC Vaud (Technique du Bâtiment Vaud)
- Auszeichnung als verdienstvoller Lernender, verliehen von der UPIAV (Union patronale des ingénieur/es et architectes vaudois/es)
Impressum
Interview: Pierre Schoeffel
Fotos: Marc Schoeffel
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